Erster Erfahrungsaustausch: Medienkompetenzförderung und -vermittlung in Sachsen-Anhalt in Zeiten von Corona

Die Folgen der Corona-Pandemie stellen zurzeit Akteure aus dem Bereich der Medienbildung vor vielerlei Herausforderungen. Trotz allem haben sich Einrichtungen, Institutionen und medienpädagogisch Aktive aus Sachsen-Anhalt bereits auf dem Weg gemacht und entwickeln Online-Angebote, Tipps oder Linksammlungen für einen produktiven und reflektierten Umgang mit digitalen Medien. Einige davon sind in den jüngsten Blogartikeln auf dem Netzwerkportal zu finden.

Am 28. April 2020 lud die Netzwerkstelle Akteure aus unterschiedlichen Bildungsbereichen zu einem ersten Erfahrungsaustausch via Videokonferenz ein, um die aktuellen Bedingungen für Medienkompetenzvermittlung zu reflektieren und über künftige Chancen für Medienbildung im Land zu diskutieren. 

Die Zusammensetzung der Teilnehmenden an dem Online-Meeting spiegelt einen erhöhten Bedarf an Austausch und Kommunikation zum Thema wieder. Sowohl medienpädagogisch Aktive als auch Vertreter/-innen aus der Politik, Verwaltung, Jugendhilfe und schulischer Bildung folgten der Einladung und diskutierten rege über Herausforderungen, Methoden, Tools und Chancen für Medienbildung in der außergewöhnlichen Situation. 

Aktuelle Herausforderungen für die (medien-)pädagogisch Arbeit

Einhellig bestätigten die Teilnehmenden, dass die medienpraktische sowie -pädagogische Arbeit mit den Zielgruppen in den vergangenen Wochen nahezu zum Erliegen gekommen ist. Gerade Kinder und Jugendliche können zurzeit mit medienpädagogischen Angeboten nur bedingt erreicht werden. Im schulischen Kontext und im Wirkungskreis der Schulsozialarbeit kann der Kontakt zumeist per E-Mail und Telefon gehalten werden. Lydia Liebig von der landesweiten Koordinierungsstelle „Schulerfolg sichern“ bemerkte, dass die Schulsozialarbeiter/-innen sich oft in Grauzonen bewegen und auf Messenger-Dienste, wie WhatsApp und Facebook für Kontaktpflege zurückgreifen müssen. Aus datenschutzrechtlicher Sicht ist diese Praxis problematisch, weil die Dienste mit europäischen Datenschutzgesetzen nicht konform sind. Die Beziehungspflege und Hilfestellungen bei möglichen Problemlagen haben jedoch in der derzeitigen Situation eine höhere Priorität, so die Argumentation der pädagogischen Fachkräfte im Land. Daher werden die etablierten Kommunikationswege genutzt, welche sich an der Lebenswelt der Heranwachsenden orientieren. Neben dem Datenschutzaspekt stellen sich für die Akteure weitere Hürden, wie die Auswahl geeigneter Videokonferenztools, Lernmanagement-Systeme, dessen Bedienung, technischer Support und Kosten, in den Weg.  

Methoden, Formate und Werkzeuge

Bei der Frage nach Methoden und Werkzeugen, welche im Kontext der Medienkompetenzvermittlung eingesetzt werden, haben die teilnehmenden Akteure unterschiedliche Einschätzungen und Erfahrungen in den letzten Wochen gesammelt. Das digitale Pinwand-Tool Padlet hat sich häufig als ein geeignetes Werkzeug für Kollaboration, Quizerstellung und für Materialsammlung erwiesen. Zudem können hier sehr intuitiv Videoclips mit Lehrinhalten eingebunden und präsentiert werden. Fachkräfte für den Jugendmedienschutz des Landkreises Saalekreis bei dem Offenen Kanal Merseburg-Querfurt e.V. haben beispielsweise auf der Plattform eine Mediensafari veröffentlicht, die Kinder und Familien zur Auseinandersetzung mit den digitalen Medien einlädt. Das Team der Servicestelle Kinder- und Jugendschutz entwickelte auf Padlet einen auf zwei Stunden angelegten Online-Kurs für Erzieher/-innen zum Thema „Medien in der Kita“. Weitere Tool-Tipps und Empfehlungen der Servicestelle sind an dieser Stelle zusammengefasst.

Auch das Thema Videokonferenz- und Webinar-Tools durfte bei dem Meeting nicht fehlen. An einigen Einrichtungen waren bereits vor der Corona-Pandemie Videokonferenzsysteme von Microsoft oder Cisco im Einsatz. Damit verlief der Einstieg in Fernunterricht oder Online-Meetings mit bewährten Plattformen ohne nennenswerte Schwierigkeiten. Andere Akteure mussten sich erst mit den Kommunikationsmöglichkeiten auseinandersetzen und bemühen sich um den Einsatz von datenschutzkonformen open source Plattformen, wie bspw. BigBlueButton oder jitsy.org. Für eine sichere Lern- und Lehrumgebung sind jedoch eigene, selbstgehostete Server notwendig, dessen Einrichtung, Wartung und die Kosten die Teilnehmenden des Meetings vor Herausforderungen stellen. Das Team des Offenen Kanals Merseburg-Querfurt verwies in diesem Zusammenhang auf den Verein TecKids, welcher Bildungsinstitutionen bei der Einrichtung einer Umgebung für Videokonferenzen und Webinare unterstützt.

Weiterführende Infos:

Videokonferenzen müssen keine Datenschleudern sein
Quelle: https://digitalcourage.de/digitale-selbstverteidigung/videokonferenzen-muessen-keine-datenschleudern-sein

Aus methodischer Perspektive haben die meisten Akteure positive Erfahrungen mit Videokonferenzen gesammelt. Für Anja Leiss von der Evangelischen Grundschule Magdeburg war die erste Videokonferenz mit Ihren Schülern eine emotionale Erfahrung: „die Freude sich nach einer langen Zeit zu sehen, war bei den Kindern riesig“. Trotz allem mussten zunächst die Handhabung der Technik und die Kommunikationsregeln im Videochat gemeinsam mit den Grundschülern erarbeitet werden. Anschließend fand „regulär“ der Unterricht via Bildschirm statt.   

Für das Team der Offenen Kanals Merseburg-Querfurt sollte ein Webinar mit Erwachsenen die maximale Dauer von drei Stunden nicht übersteigen und sollte möglichst im Tandem (Technik und Inhalte) durchgeführt werden. Ein Raum- und Methodenwechsel ist ebenfalls in der Online-Lehre ratsam für den Lernerfolg. 

Auch für Matthias Melzer von workshoppen.de sind auflockernde Methoden wichtig. Aus Erfahrungen mit eigenen Online-Lehrveranstaltungen hält er die Länge einer Sitzung von 45 bzw. 90 Minuten für angemessen. Melzer stellte in der Runde seine Übersicht zu Webinar-Tools und didaktischen Phasen vor, welche Inspirationen für die Ausgestaltung von Online-Lehrveranstaltungen bietet. 

Übersicht Webinartools und didaktische Phasen

Eisbrecher-Methoden für die Aktivierung von Teilnehmenden in den Online-Räumen sind für Lydia Liebig besonders wichtig. Zudem plädiert auch Sie für die Umsetzung des Webinars im Team (technischer Support, Moderation, externe/r Referent/-in, Protokoll), um möglichst einen reibungslosen Ablauf gewährleisten zu können. Mit der digitalen Fachkonferenz am 24. und 25. Juni 2020 beschreitet nun das Team von „Schulerfolg sichern“ neue Wege und lädt alle Interessierten zum virtuellen Dialog mit kreativen Ideen und Werkzeugen ein. Schließlich bemerkt Liebig, dass sich eine analoge Veranstaltung nicht auf eine Digitale übertragen lässt. Hier sind innovative Herangehensweisen für einen lebendigen Austausch gefragt.

Potenziale der Corona-Krise für Medienbildung

Die derzeitige Situation sehen die meisten Akteure auch als Chance, um innovative Bildungsformate für das Lernen mit und über digitale Medien – auch für die Zeit nach Corona – zu entwickeln. Gerade jetzt entfalten die Potenziale der digitalen Kommunikation ihre Wirkung und bieten den Bildungsakteuren größere Reichweite und erweiterte Themenvielfalt. Dabei beobachten die Teilnehmenden des Video-Meetings, dass der Fachaustausch in den letzten Wochen intensiver geführt wird und der Vernetzungsgedanke an Bedeutung zugenommen hat. Außerdem wecken die erschwerten Bedingungen die Experimentierfreude und Mut für die Erprobung innovativer Bildungsformen. Insgesamt erhoffen sich die Teilnehmenden eine qualitative und quantitative Steigerung digitaler Bildungsangebote. Um die erfolgreichen Methoden jedoch nachhaltig in das reguläre Portfolio der Bildungseinrichtungen aufnehmen zu können, müssen die Förderrichtlinien (Verwendungsnachweise, Teilnehmerliste etc.) an digitale Formate angepasst werden.

Neben einer ganzen Reihe an Chancen, welche für die Medienbildung durch die Corona-Pandemie entstehen, muss dennoch das Thema Bildungsgerechtigkeit stets Beachtung finden. Eine wesentliche Voraussetzung für den Bildungserfolg ist ein niedrigschwelliger Zugang zur Hardware, Internet und Medienbildungsangeboten für alle Zielgruppen. Dass wir von einer gleichberechtigten Teilhabe aller Bürgerinnen und Bürger an der (digitalisierten) Gesellschaft weit entfernt sind, legen die Begleiterscheinungen der Corona-Krise eindrucksvoll offen.

Ein weiterer Erfahrungsaustausch ist zeitnah geplant. Wenn Sie daran teilnehmen möchten, dann schreiben Sie uns eine Mail.